Astrid Silvia Grunert, 22.10.06
Wir haben uns durch Zufall wiedergetroffen, nach vielen Jahren. Drunten sind noch ein paar Lichter, die erst Straßen und dann bloße Linien schreiben. Stadt. Vororte. Take off am Flughafen Schönefeld. Ist das nun ein schönes Gefühl oder nicht? Eher ein unbestimmbares. Wir waren ja nie richtig zusammen und hatten nur auf Besuchen füreinander Zeit. Damals, als die Mauer noch stand und jetzt, da sie fort ist. 180 Euro hat der Flug gekostet – hin und zurück. Keine Kleinigkeit und doch machbar. Andere, deren Leben mehr in Berlin liegt als meins, geben das alle 2 Wochen aus oder fliegen im Dienst ihres Arbeitgebers. Ich fliege privat. Motiv: ungewiss, oder: multifunktional. Einen Freund besuchen, den es von Brüssel zum Prenzlauer Berg verschlagen hat; eine Freundin auf dem Weg nach Warschau treffen, meinen Opa sehen. Und dabei etwas zwischen den Zeilen lesen, das meine persönliche Geschichte und die Geschichte schlechthin ist bzw. macht. Es geht darum, Verbindungen zu suchen oder auch – gerade konträr – der Verbindungslosigkeit auf den Grund zu gehen.
Am Samstagmittag spazieren wir dort entlang, wo noch ein Stück der Mauer steht, Oststrand. Im Sommer bauen sie hier Buden auf und Badestege. Wir haben den 21. Oktober und es sind auf dem seltsam brachigen Gelände nur ein paar untalentierte Jungsprayer unterwegs. Wir müssen uns an einem Zaun vorbeidrücken, ganz eng an der Mauer, und schaben dabei ein paar von den gewölbt aufbrechenden Graffiti-Schichten ab. Es ist windstill. Sie fallen leise zu Boden und, nahezu indifferent, geschichtslos.
Ein paar struppige Blumen blühen noch. Weiter vorn lagert ein Zirkus. Das gestreifte Zeltdach drückt sich ins Brachland wie eine Nomadenbehausung. Die Nomaden scheinen gerade ausgegangen zu sein, auf jeden Fall lässt sich niemand blicken. Vielleicht sind sie auch weitergezogen und haben ihr Zelt stehen lassen. So etwas kommt wohl nicht oft vor – aber es kann passieren.
Unter meinem rechten Fuß knackt es ganz leise, als ich auf einen abgefallenen Graffiti-Span trete. Ich schaue hinunter und denke mir: Das ist eigentlich Geschichte, muss ich es deshalb aufheben? So gesehen, ist überall Geschichte. Über den Großteil laufen wir drüber, wissen nichts davon oder haben es vergessen. Um einen kleinen Teil, der noch frisch ist oder erhaltenswert scheint, machen wir einen Bogen. Wir bringen ein Schild davor an wie vor einem Garagentor, bei dem man warnt: „frisch gestrichen!“ und treten in gebührenden Abstand zurück, um dem Blick aus der Distanz heraus die Gelegenheit zu geben, die Dimension des Geschehenen in sich aufzunehmen.
Geschichte ist immer vorbei. Das mag ich eigentlich nicht so besonders an ihr. Man kann sie anschauen, zurück um sie herumgehen, über sie diskutieren, aber man kann nicht sagen: das und das ist ein Projekt, ein Plan für die Geschichte. So könnte man eine Geschichte schreiben, die in die Zukunft geht. Kann man das tatsächlich nicht? Wahrscheinlich krankt es nur an unserem Geschichtsverständnis. Schriftsteller haben ja auch keine Mühe damit, Stories in die Zukunft hinein zu erfinden. Warum sollten wir im ganz normalen Leben, als ganz normale Bürger mit „Geschichtsbewusstsein“ das nicht auch können? „Geschichtsbewusstsein“ heißt, dass wir uns dieser als wichtig und unmittelbar in unser Hier und Jetzt hineinwirkenden vergangenen Tatsachen bewusst sind. Es könnte aber, darüber hinaus, auch bedeuten, dass wir die Tatsachen, die wir aus der Vergangenheit mit herübernehmen, für die Zukunft nutzbar machen. Im Sinne eines „proaktiven“ Geschichtsbewusstseins. Ich habe nie verstanden, warum man in der Schule Quellentexte analysierte, ohne sie in Bezug zur Gegenwart und zur Zukunft zu stellen. Wahrscheinlich fand ich deshalb den Geschichtsunterricht immer sehr schlecht, oder zumindest unvollständig. Es heißt doch immer, man solle „aus der Geschichte lernen“. Wie aber soll das gehen, wenn sie immer in die Schublade mit dem Label: „erwähnenswert, aber abgelaufen“ fällt?
Ich glaube, um beim Bild meines Berlinspaziergangs zu bleiben, dass wir immer noch zu viele Mauern zwischen der Geschichte, dem Jetzt und dem Morgen bauen. „Klare Linien ziehen“, nennt man das wohl. Ich finde es nicht immer richtig. Natürlich können wir nicht alle Stücke, die jemals in der Geschichte passiert sind, auflesen und mit uns herumtragen. Das wäre weder gut noch produktiv. Meiner Ansicht nach braucht Geschichte aber diesen zukunftsgerichteten Blick ganz dringend. Wenn man in literarischen Gattungen denkt, passt auf sie am besten das Genre der „Kurzgeschichte“. Ein paar Fakten spotlightartig herausgenommen und in einen Kontext gestellt. Ende offen. Das heißt, dass wir weiterdenken und – schreiben können, wenn wir wollen. Nach vorne wie nach hinten. Tatsachen, die passiert sind, sind immer auch ein Fundament für Neues. Es liegt vielfach an uns, wie wir die Kausalzusammenhänge in den Noch-nicht-geschehenen Raum hinein fortführen. Vergessen ist auch eine Form der Geschichtsschreibung. Ebenso wie Überbetonung.
Es ist unsere Art, heute mit der Geschichte umzugehen, die die Geschichte von morgen schreibt. Natürlich ist es schwer zu sagen, wo Geschichte anfängt. Bei der Tür, die ich vor einer Sekunde hinter mir zugemacht habe? Oder bei meinen Memoiren? Das, was in unserem Geschichtsbewusstsein als „Geschichte“ verankert ist, ist immer Resultat eines Selektionsprozesses. Die hinter uns zufallende Tür verdient darin vielleicht keine Aufmerksamkeit, während der Stein im Schuh des Spitzenpolitikers darin Eingang findet. Die Medien, die Politiker, die Berater und Intellektuellen, die Wirtschaftsvertreter und Bildungsexperten wählen aus. Täglich. Bewusst oder unbewusst. Sie machen die Geschichte, manchmal in großen, sich überschlagenden Schritten, manchmal nahezu unbemerkt. Gelegentlich machen die Bürger massiv mit, wie beim Mauerfall, zum Beispiel. Oft aber sitzen sie nur daneben und haben keine Meinung.
Oder sie sagen: „Geschichte, das interessiert mich nicht, das ist doch sowieso nur Schnee von gestern“. Ich wage zu behaupten, dass wir ein neues Geschichtsverständnis brauchen, auch und gerade im Hinblick auf Europa. Die Retrospektive funktioniert nicht mehr, wenn wir gemeinsam etwas weiterführen wollen, was unsere Großväter unter dem Eindruck des zweiten Weltkrieges und der wiedergefundenen, sich entwickelnden Einheit Europas mühsam und mit viel Enthusiasmus aufgebaut haben. Eigentlich liegt das Dilemma der jüngeren Generationen heute darin, dass sie glauben, keine Geschichte zu brauchen, um die Zukunft zu gestalten. Das jedoch ist ein Irrtum. Wir können nicht einfach von der einen Seite der Mauer zu anderen gehen. Es wäre zu einfach und es ist auf lange Frist nicht ersprießlich. Um zu vorwärts zu laufen, brauchen wir Fundamente, wenn’s sein muss auch mehrere über- und nebeneinander.
Wir suchen eine Lücke in der Mauer, um wieder auf die andere Seite zu kommen, wo unser Auto parkt. „Da war immer ein Durchgang“ sagt mein Bekannter. Es ist zu. Wir laufen weiter, bis zum Nomadenzelt. Dort gibt es ein Gittertor, das auch verschlossen ist, allerdings klafft zwischen Tor und Boden ein recht breiter Spalt, wie ich finde. Ich habe keine Lust, den ganzen Weg durch die Sandsteppe, an den Sprayern vorbei zurückzuwandern. „Kommt“, sage ich „da passen wir durch!“ Ich lasse mich auf die Knie fallen, lege mich auf den Boden und robbe mich auf die andere Seit. Es geht ganz leicht. Als ich aufstehe, sehe ich allerdings, dass ich mir eine Schramme an der rechten Hand geholt habe. Und ein blaues Knie vielleicht auch. Es geht halt manchmal nicht ganz ohne. Ich wische mit dem Taschentuch das Blut ab und guckte zu, wie meine Freunde folgen.