Thursday, December 28, 2006

Das Wesentliche über Weihnachten

Astrid Silvia Grunert, 28.12.06

Es könnte sein, dass ich es eigentlich schon bin, bevor noch mein Zug den Bahnhof erreicht: Nach Hause gekommen. In meinem Kopf hat sich bereits das ganze Szenario eingestellt, das mich – mit leichten, doch verschmerzbaren Abwandlungen – erwarten wird:
Der Weihnachtsbaum in der linken Ecke, zu voll geschmückt, denn wir haben zu viele Engel und Kugeln, seit ich denken kann. Darunter die Krippe, die muss ich noch aufbauen. Da warten sie auf mich, weil ich die Landschaft drum herum am besten hinbekomme. Die beiden großen Kisten stehen schon wartend auf der Seite, oben ein bisschen offen, weil man ja prüfen musste, ob es die richtigen waren, die man aus der Rumpelkammer holte. Plätzchen sind gebacken und liegen in den Dosen. Mindestens fünf Sorten, sonst ist ja nicht Weihnachten. Das Haus ist weit und kalt, auf den Fluren staut sich das Warten. Nur der Hund friert nicht, der hat ein dickes Fell. Klavierspielen müsste man auch einmal wieder versuchen. Weil doch Weihnachten nur einmal im Jahr ist, sich die Lieder nicht ändern und das Klavier sich doch auch einmal über Gesellschaft freut. Fast hatte ich vergessen, wie sich die Tasten anfühlen, bevor man sie anschlägt. Durchs Fenster zieht es ein bisschen, aber Schnee haben wir noch nicht. „Im Januar“, sagen die Leute. Im Dorf wissen sie, wann der Schnee kommt und sie irren sich nie, weil sie ihre Meinung zehnmal am Tag modellieren und anpassen. Irgendwann wird’s schon stimmen – und man hat wieder einmal recht gehabt. Die Nachbarn machen Feiermienen und stöhnen in der Erwartung, zu viel Essen zu müssen. Aber zum Supermarkt muss man trotzdem noch. Weil man ja nicht sicher weiß, ob man dieses Jahr über die Feiertage nicht doch noch einschneit – und dann ist man froh, wenn man über die Runden kommt. Ja ja, diese Feiertage. Man kann rein gar nichts dagegen machen. Irgendwie schaffen sie es dann doch alle sich einzubunkern, auch die Lahmen und Bettlägerigen. Dann ist der 24. da. Tagsüber geht es noch zu wie immer, nur mit gesteigerter Intensität. Am späten Nachmittag dann, heißt es auf einmal, man solle sich freuen. Weil vor 2000 Jahren Jesus geboren wurde. Die Leute nicken und sagen: Das muss wohl so sein. Manche gehen in die Kirche, weil sie es noch einmal genau wissen wollen. Danach essen sie Eiscreme und Nüsse, trinken Rotwein und singen „Stille Nacht“, weil ihnen nichts besseres einfällt.
Am 25. wacht man auf und hat Magenbeschwerden. Wenn es einem dann nach der ersten Aspirin wieder besser zu gehen beginnt, dann kann man sich richtig freuen. Darüber, dass einem Weihnachten doch immer wieder hilft, sich aufs Wesentliche zu besinnen im Leben.

Monday, October 23, 2006

Geschichte, Berlin und ich

Astrid Silvia Grunert, 22.10.06

Wir haben uns durch Zufall wiedergetroffen, nach vielen Jahren. Drunten sind noch ein paar Lichter, die erst Straßen und dann bloße Linien schreiben. Stadt. Vororte. Take off am Flughafen Schönefeld. Ist das nun ein schönes Gefühl oder nicht? Eher ein unbestimmbares. Wir waren ja nie richtig zusammen und hatten nur auf Besuchen füreinander Zeit. Damals, als die Mauer noch stand und jetzt, da sie fort ist. 180 Euro hat der Flug gekostet – hin und zurück. Keine Kleinigkeit und doch machbar. Andere, deren Leben mehr in Berlin liegt als meins, geben das alle 2 Wochen aus oder fliegen im Dienst ihres Arbeitgebers. Ich fliege privat. Motiv: ungewiss, oder: multifunktional. Einen Freund besuchen, den es von Brüssel zum Prenzlauer Berg verschlagen hat; eine Freundin auf dem Weg nach Warschau treffen, meinen Opa sehen. Und dabei etwas zwischen den Zeilen lesen, das meine persönliche Geschichte und die Geschichte schlechthin ist bzw. macht. Es geht darum, Verbindungen zu suchen oder auch – gerade konträr – der Verbindungslosigkeit auf den Grund zu gehen.

Am Samstagmittag spazieren wir dort entlang, wo noch ein Stück der Mauer steht, Oststrand. Im Sommer bauen sie hier Buden auf und Badestege. Wir haben den 21. Oktober und es sind auf dem seltsam brachigen Gelände nur ein paar untalentierte Jungsprayer unterwegs. Wir müssen uns an einem Zaun vorbeidrücken, ganz eng an der Mauer, und schaben dabei ein paar von den gewölbt aufbrechenden Graffiti-Schichten ab. Es ist windstill. Sie fallen leise zu Boden und, nahezu indifferent, geschichtslos.
Ein paar struppige Blumen blühen noch. Weiter vorn lagert ein Zirkus. Das gestreifte Zeltdach drückt sich ins Brachland wie eine Nomadenbehausung. Die Nomaden scheinen gerade ausgegangen zu sein, auf jeden Fall lässt sich niemand blicken. Vielleicht sind sie auch weitergezogen und haben ihr Zelt stehen lassen. So etwas kommt wohl nicht oft vor – aber es kann passieren.
Unter meinem rechten Fuß knackt es ganz leise, als ich auf einen abgefallenen Graffiti-Span trete. Ich schaue hinunter und denke mir: Das ist eigentlich Geschichte, muss ich es deshalb aufheben? So gesehen, ist überall Geschichte. Über den Großteil laufen wir drüber, wissen nichts davon oder haben es vergessen. Um einen kleinen Teil, der noch frisch ist oder erhaltenswert scheint, machen wir einen Bogen. Wir bringen ein Schild davor an wie vor einem Garagentor, bei dem man warnt: „frisch gestrichen!“ und treten in gebührenden Abstand zurück, um dem Blick aus der Distanz heraus die Gelegenheit zu geben, die Dimension des Geschehenen in sich aufzunehmen.

Geschichte ist immer vorbei. Das mag ich eigentlich nicht so besonders an ihr. Man kann sie anschauen, zurück um sie herumgehen, über sie diskutieren, aber man kann nicht sagen: das und das ist ein Projekt, ein Plan für die Geschichte. So könnte man eine Geschichte schreiben, die in die Zukunft geht. Kann man das tatsächlich nicht? Wahrscheinlich krankt es nur an unserem Geschichtsverständnis. Schriftsteller haben ja auch keine Mühe damit, Stories in die Zukunft hinein zu erfinden. Warum sollten wir im ganz normalen Leben, als ganz normale Bürger mit „Geschichtsbewusstsein“ das nicht auch können? „Geschichtsbewusstsein“ heißt, dass wir uns dieser als wichtig und unmittelbar in unser Hier und Jetzt hineinwirkenden vergangenen Tatsachen bewusst sind. Es könnte aber, darüber hinaus, auch bedeuten, dass wir die Tatsachen, die wir aus der Vergangenheit mit herübernehmen, für die Zukunft nutzbar machen. Im Sinne eines „proaktiven“ Geschichtsbewusstseins. Ich habe nie verstanden, warum man in der Schule Quellentexte analysierte, ohne sie in Bezug zur Gegenwart und zur Zukunft zu stellen. Wahrscheinlich fand ich deshalb den Geschichtsunterricht immer sehr schlecht, oder zumindest unvollständig. Es heißt doch immer, man solle „aus der Geschichte lernen“. Wie aber soll das gehen, wenn sie immer in die Schublade mit dem Label: „erwähnenswert, aber abgelaufen“ fällt?

Ich glaube, um beim Bild meines Berlinspaziergangs zu bleiben, dass wir immer noch zu viele Mauern zwischen der Geschichte, dem Jetzt und dem Morgen bauen. „Klare Linien ziehen“, nennt man das wohl. Ich finde es nicht immer richtig. Natürlich können wir nicht alle Stücke, die jemals in der Geschichte passiert sind, auflesen und mit uns herumtragen. Das wäre weder gut noch produktiv. Meiner Ansicht nach braucht Geschichte aber diesen zukunftsgerichteten Blick ganz dringend. Wenn man in literarischen Gattungen denkt, passt auf sie am besten das Genre der „Kurzgeschichte“. Ein paar Fakten spotlightartig herausgenommen und in einen Kontext gestellt. Ende offen. Das heißt, dass wir weiterdenken und – schreiben können, wenn wir wollen. Nach vorne wie nach hinten. Tatsachen, die passiert sind, sind immer auch ein Fundament für Neues. Es liegt vielfach an uns, wie wir die Kausalzusammenhänge in den Noch-nicht-geschehenen Raum hinein fortführen. Vergessen ist auch eine Form der Geschichtsschreibung. Ebenso wie Überbetonung.

Es ist unsere Art, heute mit der Geschichte umzugehen, die die Geschichte von morgen schreibt. Natürlich ist es schwer zu sagen, wo Geschichte anfängt. Bei der Tür, die ich vor einer Sekunde hinter mir zugemacht habe? Oder bei meinen Memoiren? Das, was in unserem Geschichtsbewusstsein als „Geschichte“ verankert ist, ist immer Resultat eines Selektionsprozesses. Die hinter uns zufallende Tür verdient darin vielleicht keine Aufmerksamkeit, während der Stein im Schuh des Spitzenpolitikers darin Eingang findet. Die Medien, die Politiker, die Berater und Intellektuellen, die Wirtschaftsvertreter und Bildungsexperten wählen aus. Täglich. Bewusst oder unbewusst. Sie machen die Geschichte, manchmal in großen, sich überschlagenden Schritten, manchmal nahezu unbemerkt. Gelegentlich machen die Bürger massiv mit, wie beim Mauerfall, zum Beispiel. Oft aber sitzen sie nur daneben und haben keine Meinung.
Oder sie sagen: „Geschichte, das interessiert mich nicht, das ist doch sowieso nur Schnee von gestern“. Ich wage zu behaupten, dass wir ein neues Geschichtsverständnis brauchen, auch und gerade im Hinblick auf Europa. Die Retrospektive funktioniert nicht mehr, wenn wir gemeinsam etwas weiterführen wollen, was unsere Großväter unter dem Eindruck des zweiten Weltkrieges und der wiedergefundenen, sich entwickelnden Einheit Europas mühsam und mit viel Enthusiasmus aufgebaut haben. Eigentlich liegt das Dilemma der jüngeren Generationen heute darin, dass sie glauben, keine Geschichte zu brauchen, um die Zukunft zu gestalten. Das jedoch ist ein Irrtum. Wir können nicht einfach von der einen Seite der Mauer zu anderen gehen. Es wäre zu einfach und es ist auf lange Frist nicht ersprießlich. Um zu vorwärts zu laufen, brauchen wir Fundamente, wenn’s sein muss auch mehrere über- und nebeneinander.
Wir suchen eine Lücke in der Mauer, um wieder auf die andere Seite zu kommen, wo unser Auto parkt. „Da war immer ein Durchgang“ sagt mein Bekannter. Es ist zu. Wir laufen weiter, bis zum Nomadenzelt. Dort gibt es ein Gittertor, das auch verschlossen ist, allerdings klafft zwischen Tor und Boden ein recht breiter Spalt, wie ich finde. Ich habe keine Lust, den ganzen Weg durch die Sandsteppe, an den Sprayern vorbei zurückzuwandern. „Kommt“, sage ich „da passen wir durch!“ Ich lasse mich auf die Knie fallen, lege mich auf den Boden und robbe mich auf die andere Seit. Es geht ganz leicht. Als ich aufstehe, sehe ich allerdings, dass ich mir eine Schramme an der rechten Hand geholt habe. Und ein blaues Knie vielleicht auch. Es geht halt manchmal nicht ganz ohne. Ich wische mit dem Taschentuch das Blut ab und guckte zu, wie meine Freunde folgen.

Sunday, September 24, 2006

People on your pictures

Haben Sie jemals über die Leute nachgedacht, die sich auf Ihren Fotos befinden (könnten)?

Mich selbst? wollen Sie fragen. Meine Freunde? Meine Schwiegermutter?

Stop, nein, die meine ich doch gar nicht. Die gehen mich gar nichts an. Sie gehören ja zu Ihrem Leben ohnehin dazu wie der Hut auf den Kopf einer englischen Lady beim Pferderennen in Ascot. Ich meine diejenigen Leute, die zufällig auf die Fotos geraten sind und nun dort eine seltsame Koexistenz mit Ihrer Schwiegermutter führen werden, auf ewig.

Sie meinen, Ihre Schwiegermutter stört das nicht? Nein, von stören im eigentlichen Sinne kann auch keine Rede sein. Es ist nur, wie soll ich es sagen: Überschneidung von verschiedenen Lebenssphären.

Da ist einmal das Leben Ihrer werten Frau Schwiegermutter, das Sie zur Genüge kennen. Sie hat viel Zeit und redet gern, habe ich recht? Außerdem trägt sie gerne lila Strickwesten, die ihr fast überhaupt nicht stehen, gegen die aber nie jemand aus ihrer Familie das Wort erhoben hat. Sie sind ein veräußerlichtes Charaktermerkmal geworden.

Was, Ihre Schwiegermutter trägt auch türkiese Strickpullover? Mir solls recht sein. Das gehört mehr oder weniger in dieselbe Kategorie. Aber sehen Sie, Sie verstehen mich doch: Die Welt Ihrer Schwiegermutter und Ihre eigene gehören zusammen.

Was aber ist mit den Leuten, die hinter dem Rücken Ihrer Schwiegermutter auf dem Foto gerade im Begriff sind, die Straße zu überqueren?

Die waren zufällig da, sagen Sie. Und: bei so einer belebten Straße ist es schwierig einen Moment abzupassen, an dem keine Fremden durchs Bild laufen?

Ich gebe Ihnen recht. Ob Petersplatz oder Eiffelturm, immer hat man Mühe, so zu tun, als gehörten diese Dinge einzig in die eigene Sphäre hinein. Als sei man allein mit ihnen auf der Welt. Zwecks dieser paradoxen und an und für sich sinnlosen Vereinnahmung bekannter Kulturdenkmäler wartet mancher Tourist geduldig stundenlang auf dem "fremdenfeien" Blick auf die Fassade, vor der er seine Schwiegermutter in voller lila Schönheit zu postieren und den Moment einzufangen vermag. Es ist dies das bis zu einem gewissen Grad sicher gesunde und fürs Überleben wichtige Bestreben, die eigene Privatsphäre von der der anderen abzugrenzen. Es mögen da auf dem Petersplatz noch andere ältere Damen mit geschmacklosen und vorm Busen ausgebeulten lila Strickwesten herumlaufen, die Ihrem eigenen "Exemplar" durchaus nicht unähnlich sind - doch die brauchen Sie nicht zu interessieren. Ihr Fokus gilt Ihrer lila Schwiegermutter und gemeinsam geben Sie sich der Illusion hin, mit dem Petersdom und Ihrer Familie allein auf der Welt zu sein.

Das Lächeln der Schwiegermutter ist vom langen Warten auf die ungestörte Privataufnahme verzerrt wie ein Luft verlierender Ballon. Noch einmal lächeln, sagen Sie und drücken ab. Doch halt, was war das? Da liefen doch tatsächlich diese japanischen Touristen hinten durchs Bild! Was wollen die denn in Ihrem Leben, da haben die doch gar nichts zu suchen!
Und doch befinden sie sich nun auf dem Foto mit Ihrer Schwiegermutter in unauflöslicher Symbiose verbunden. Hintergrundstatisten in dem von Ihnen inszenierten Schauspiel. Na gut, denken Sie, und vergessen die Sache.

Manchmal schaut man sich gerne alte Fotos wieder an. Besonders an regnerischen Sonntagen. Man macht sich über die Mode von vor 10 Jahren lustig und amüsiert sich über gemeinsame Erinnerungen. Und - wenn man ganz viel Zeit hat - fällt der Blick auch auf jene Hintergrundstatisten, die artig durchs Bild huschen als seien sie dorthin bestellt worden. Die Japaner, die Sie niemals im eigentlichen Sinne getroffen haben. Und doch sind sie da, ihre Existenz ist auf diesem Petersplatzfoto mit Ihrer Schwiegermutter unauslöschlich dokumentiert. Das weiß-grüne Hütchen der älteren Japanerin, die dunkelblaue Regenjacke ihres Belgleiters, der Regenschirm hinterm Rücken des anderen Mannes, die Hand, die einen Fotoapparat hält, Augen, die Eindrücke suchen. Sie gucken sich die Leute näher an. Dieses Paar - sie dürften seit 30 Jahren verheiratet sein - mindestens. Auch wenn sie nicht hundertprozentig nebeneinander herlaufen. Aber sie haben denselben Gang und beider Rücken krümmt sich in fast haargenau demselben Winkel, so als trügen sie eine gemeinsame Vergangenheit auf ihren Schultern. Was sie wohl heute machen? Ob sie noch leben? Sie schienen damals schon recht betagt zu sein (obwohl man das bei Japanern manchmal nicht so genau feststellen kann). Es hätte ja sein können, dass man sich zufällig getroffen hätte, dort auf dem Petersplatz. Zum Beispiel in einem Café, auf einer Bank, beim Briefmarkenkaufen. Dann würde man heute sagen: Guck mal, das im Hintergrund sind unsere Freunde aus Tokyo. Sie schicken uns jedes Jahr zu Neujahr eine Ansichtskarte. Jetzt leben sie in einem Altenheim und reisen nicht mehr so viel. Nächsten Sommer werden wir sie besuchen.
Statt dessen haben Sie keine anderen Worte für das japanische Paar im Hintergrund als: Das waren irgendwelche Touristen, die zufällig durchs Bild gelaufen sind. Sie sagen dies ohne eigentliches Bedauern, so, wie es eben ist.
Doch wenn man sich mehr damit befasst, macht es einen nachdenklich. Das Leben, in dem einzelne Privatsphären wie transparente Kreise nebeneinanderliegen. Manchmal gibt es Überschneidungen, das nennt man dann Begegnungen. Die randlichste ist die Statistenrolle auf fremden Fotos. Es ist keine Begegnung im eigentlichen Sinne. Und doch gerät man dadurch, ohne es eigentlich zu wollen, ein ganz klein wenig in die Sphäre der unbekannten Mitmenschen, mit denen man einen Augenblick auf dem Petersplatz teilt, bevor jeder seine transparenten Kreise wieder säuberlich und separat mit sich nach Hause trägt.

Astrid Silvia Grunert

Coming back to Vienna

Ich weiß nicht, ob es an Wien liegt oder an den Wienern - aber Freunde geworden sind wir nie so richtig. Nicht während des Jahres, das ich dort gelebt habe - dann schon eher aus der Distanz. Kann es dennoch sein, dass sich ein ganz unterschwelliges, zaghaftes Gefühl des Heimkommens einstellt, wenn ich heute dorthin zurückkehre? Es war ein Business-Meeting, kein Experiment. Wir sollten mit unserem Verbandspräsidenten über Conformity Assessment und Inspection sprechen - nicht über verflossene Verhältnisse und ambivalente Liebschaften. Aber man kann über eine Sache reden und über eine Sache nachdenken - manchmal zur selben Zeit.
Es ist sicher auch eine (versteckte) Frage nach Heimat, nach Wurzeln. Manchmal hat man sie gern, manchmal weniger. Es gab Momente, in denen fand ich sie lästig. Als Teenager beim Sprachkurs in Cannes. Ich sagte meiner Schwester, wir müssten auf der Straße nur noch Französisch reden, damit keiner merken sollte, dass wir doch eigentlich aus Deutschland kamen. Die Arme verfügte erst über einen rudimentären Wortschatz und auch mein eigener war noch nicht allzu weit gediehen - ganz zu schweigen davon, dass wir aufgrund unseres Akzents sofort und unmissverständlich entlarvt worden wären -, aber wir spielten das Spiel "alte Wurzeln - neue Wurzeln" mit Passion und linguistischen Verstößen. Niemand sollte merken, dass unsere Wurzeln eigentlich woanders lagen als an dem Ort, durch dessen Straßen wir zu dem Zeitpunkt flanierten. Und auch heute habe ich noch manchmal diese Manie des "Dazugehörenwollens" in mir, die sich durch Verwurzeltsein mit dem umgebenden Ort auszeichnet und sich - nur auf den ersten Blick befremdlich - in einer Ignoranz desselben manifestiert. Bei näherem Hinsehen wird offenbar, dass diese Ignoranz nur aus einer sehr genauen Kenntnis zu resultieren vermag, nach dem Motto: das finde ich im Schlaf.
Natürlich ist das widersinnig, denn man kann ja nicht automatisch überall dazugehören. Dazu reicht unsere Kapazität an Wurzelbildung einfach nicht aus. Es wird immer weiße Flecken im Beet unserer Baumkulturen geben. Und doch: die Sehnsucht bleibt. Wahrscheinlich hat es auch etwas mit unserem geheimen Wunsch nach Vollkommenheit zu tun - oder aber mit der schlichten Angst, sich allein und verloren zu fühlen. Der Mensch ist - auch in der Anonymität der Großstadtmenge - ein Herdentier. Ich suche die richtige Unterführung, um die Schnellstraße zu überqueren und laufe mit den anderen hastenden Leuten mit, weil ich instinktiv spüre, dass "man" das so machen muss. Nur wenn sich die Menge zum Hinaufgehen auf verschiedene Treppenaufgänge verteilt, bekomme ich Probleme. Welcher Teilherde soll ich folgen? Werden die einzelnen Trupps oben wieder zusammenstoßen oder haben sie am Ende gar unterschiedliche Ziele erkoren? In der Panik, "meine" Herde zu finden, versuche ich, mit den Augen den größten Trupp zu scannen. Meistens entscheidet man sich dann für die Mitte. In der Mitte fällt mangelnde Angepasstheit und Unsicherheit am wenigsten auf.
Ich komme am Abend von Warschau in Wien an. Es regnet. Der Service bei Tyrolean Airlines war langsam und karg, inklusive 45 Minuten Verspätung. In Gedanken lege ich mir den leichten österreichischen Akzent zu, den ich über die Jahre geübt habe, und klettere hinter 20 anderen beanzugten Business-Leuten her aus der kleinen Maschine auf das Rollfeld von Schwechat. Der österreichische Geschäftsmann vor mir seufzt zu seinem Kollegen: "Endlich wieder daheim!" - ich weiß nicht, wo ich bin. Der Regen hat nachgelassen und liegt wie Nagellack auf dem Asphalt. Die Flugbahnbegrenzungslichter spiegeln sich in Ankünften und Abflügen. Bei der Kontrolle wollen sie meinen Pass nur ganz kurz sehen. "Na siehst du", sage ich mir "Die wissen schon, dass ich hier auch noch ein paar Wurzeln übrig habe." Ich schicke SMS an Freunde. Sie schreiben, dass es zu spät ist, mich zu treffen. Aber es ist dennoch gut zu wissen, dass sie da sind. Leute kennen ist wie Schnüre mit dem Ort knüpfen, an dem man sich befindet. Sie schaukeln vor meinem geistigen Auge und bringen meine Situation ein Stück weit der Aussage des österreichischen Geschäftsmannes nahe. Heimkommen.
Ginge ich jetzt zu meiner alten Wohnung in der Hietzinger Steckhovengasse, so würde ich dort von meiner Freundin Manue gastfreundlich empfangen werden. Aber wäre das heimkommen? Heimkommen kann - gerade in unserer Zeit des schnellen Wandels und Umherziehens - auch in der Vergangenheit sein. Die Wurzeln bleiben in der Erinnerung als ein diffuses Gefühl des Dazugehörens, des "Ein-Nest-Hier-Habens", auch wenn letzteres bereits von einem anderen Vogel bezogen ist. Man hört oft, dass Leute zu dem Haus, in dem sie ihre Kindheit verbracht und das sie und ihre Familie dann aus irgendwelchen Gründen verlassen haben, zurückkehren. Davorstehen und das Nachhausekommen spüren - nach 30 Jahren. Auch wenn drinnen wildfremde Menschen leben. Wurzeln, scheint es, kann man konservieren und mit sich herumtragen über Jahrzehnte hinweg. Oft weiß man gar nicht, dass man sie noch bei sich trägt. Doch dann, wenn man wieder einem Ort gegenübersteht, an dem sie ausgesät wurden, kommen sie zurück in die Oberlfäche, legen sich einem um Hals und Nacken wie eine Umarmung, die immer noch gültig ist.

Astrid Silvia Grunert, September 2006

Thursday, August 03, 2006

Heimaturlaub

„Mama“ sagt das flämische Kind zu seiner Mutter, „wo fahren wir denn jetzt hin?“
‚Nach Hause’ denkt die Mutter und sie sagt: „Nach Deutschland.“
„Das ist, wo Oma und Opa wohnen?“ will das Kind wissen.
„Ja“ sagt die Mutter.
„Aber nicht die Oma und Opa von Papa?“
„Nein, das ist etwas anderes.“

Zahllose Familien fahren Ende Juli in die Ferien, dorthin, wo sie meinen, Erholung zu finden. Ein nicht unbeträchtlicher Prozentsatz begibt sich sommers auf Wurzelsuche. Diesem letzteren Urlaubsvölkchen, das sich gerade in Brüssel auf eine stattliche Summe beläuft, wird in Medien und Statistiken jedoch selten gesondert Rechnung getragen.

Eurostat veröffentlichte jüngst eine Studie über die Urlaubsgewohnheiten der Europäer. Dabei fand man heraus, dass 57% der Reisen mit mindestens vier Übernachtungen im jeweiligen Wohnland getätigt werden. Mit 43% stellen die Reisen ins Ausland den kleineren Anteil dar. Von diesen Auslandsreisen werden etwa zwei Drittel in andere EU-Staaten unternommen. Eh voilà, wobei wir wieder beim Punkt wären In diesen zwei Dritteln Reisenden ins EU-Ausland sind auch jene Europäer enthalten, für die „nach Hause“ unter Umständen mehrere Bedeutungen hat. Belgien rangiert mit 79% an zweiter Stelle, der Länder mit den meisten Auslandsreisen (noch getoppt von Luxemburg, dessen Bewohner schon angesichts der Größe des Landes zum Verlassen desselben gezwungen sind). Die Belgier, so scheint es, reisen gern – und mit ihnen all jene, die weder Belgier sind, noch das, was sie einmal waren. So wie die Mutter und das Kind mit dem flämischen Namen, das so gut Deutsch spricht (aber eben nicht perfekt). Im EU-Umfeld hat sich ein ganz besonderer Urlaub entwickelt, der „Heimaturlaub“. Dabei geht es nicht darum, aus dem Gewohnten herauszukommen, Neues zu entdecken, sondern gerade, ehemals Gewohnten aufzufrischen und nicht zu vergessen. Dort, wo der pauschalreisende „Nur-Einländer“ auszieht, die Vorzüge der Dom.Rep. zu genießen, erfreut sich der Expat an der Idee an Althergebrachtes (wie ein kühles Radler in einem Biergarten unter Kastanien).
Halt! Das gab es doch schon einmal! Richtig, die ganzen so genannten „Gastarbeiter“, die in der Nachkriegszeit in die nördlichen Industrieländer kamen und sommers die Koffer packten, um zu Marina nach Napoli zurückzukehren. All diese von der Migration Betroffenen hatten wie haben in der Ferienzeit das gleiche Ziel: Nach Haus. Freilich handelt es sich dabei um ein ephemeres Phänomen. Die italienischen und griechischen „Gastarbeiter“ von ehedem sind schon längst in Deutschland und anderswo sesshaft geworden und deren Nachkommen allenfalls noch am Namen von den „Schon-immer-Deutschen“ zu unterscheiden. Es scheint so, als könnten Wurzeln immer wieder von vorn anfangen von einer Generation auf die andere. Und doch bleibt da etwas, diffus, in der Rückhand. Das be(un)ruhigende Gefühl, überall und jederzeit neu anfangen zu können.
Kurz und gut: Menschen, die (auch) nach Hause in Urlaub fahren, sehen die Dinge oft anders. Sie sehen sie „à l’envers“. Was nicht unbedingt schlecht ist.
Ich wünscht mir eine Eurostat Studie über den Prozentsatz der im Urlaub „Nach-Hause-Fahrenden“. Es würde mich beruhigen zu sehen, wie viele außer mir einem Alternativ-Urlaubsmodell zur Dom.Rep. frönen. Es weckt die Hoffnung, dass Europa – im Ephemeren – eines Tages doch ganz selbstverständlich funktionieren kann, unter uns Bürgern.

Tuesday, June 06, 2006

Erinnerungskisten, Ausstellung quer durch Europa

Was ist Erinnerung? Schritte, die man gemacht hat und die nun hinter einem liegen. Wenn man sich umdreht, kann man manchmal noch ihre Umrisse erkennen im Staub, im Schlamm, im Schnee. Manchmal war die Straße aber auch zu trocken und man kann die Spurt nicht mehr sehen. Erinnerung fängt da an, wo die Spuren gut sichtbar und beinahe banal im Raumrückblick stehen. Und sie bewegt sich fort hin zu verwischteren Spuren, guckt unter eine Schneewehe und auf den Boden einer Wiese, wo die Wurzeln der Margariten beginnen. Bis sie schließlich auch solche Strecken erreicht, von denen wir keine Konturen mehr im Gepäck zu haben glaubten.

Das Goethe Institut Brüssel zeigte vom 22. bis 29. Mai die Ausstellung "Making Memories Matter - Erinnerungen Raum geben", ein Projekt des European Reminiscence Network. Pam Schweitzer ist auf die Idee gekommen, Erinnerungen von älteren Menschen in Kisten zu verpacken - und zu präsentieren. Über 100 Freiwillige haben so ihr Leben erzählt, mit einigen Dingen und Worten - kurz oder etwas länger, fröhlich oder nachdenklich, leicht oder philosophisch. In 6-wöchiger Zusammenarbeit haben die Menschen, die aus ihrem Leben erzählen wollten, mit der Unterstützung von Künstlern alte Munitionskisten ihres Landes mit dem gefüllt, was ihrer Meinung nach ihr Leben ausmacht(e). Die Ergebnisse waren in Kassel, Posen, Prag, Cluj-Napoca, Kotka, London, Barcelona, Berlin - und nun Brüssel - zu sehen. Die Initiatoren hoffen, dass die Kette der Präsentationsorte mit Hilfe der Kommission noch länger werden wird.

Was die Memory-Kisten ausmacht, ist nicht ihre besonders hervorstechende Originalität oder dahinter stehende Berühmtheit. Das Leben "ganz normaler Menschen" illustrierend, stoßen sie eine Erinnerungskette quer durch Europa an, die vor Landesgrenzen nicht Halt macht. Individualität hinter und Verbindendes unter den Porträtierten fesseln gleichermaßen. Die Begleittexte, integraler Bestandteil der kleinen "Schaubühnen", wurden in die Sprachen aller ausstellenden Länder übersetzt, um dortigen Betrachtern die Möglichkeit der vollen Nachvollziehbarkeit in der Muttersprache zu ermöglichen. So lernten beispielsweise Menschen, die nie zuvor aus Rumänien herausgekommen waren, die Schicksale von Katalanen und Finnen kennen und mussten manchmal staunend feststellen, wie wenig sie sich unterscheiden.

Europa entsteht mit Hinblick auf die Zukunft. Dabei bildet jedoch die Vergangenheit das Fundament, das diese Zukunft stützt. "Making Memories Matter" zollt dieser Erkenntnis eindrucksvoll Rechnung. Nicht selten werden dabei eigene Erinnerungen lebendig. Als sie vor dem Kasten eines Schuhmachers aus Kassel stand, erzählt Dr. Eva Schulz-Jander, Bundesvorstand der Gesellschaft für Christliche-Jüdische Zusammenarbeit, habe sie auf einmal an die Lederwarenhandlung ihres Vaters denken müssen. Und sie sei immer tiefer in den Kasten hineingekrochen, der eigenen Geschichte auf der Spur. Europa bedeutet auch, sich auf die eigene Geschichte verlassen zu können, in ihr aufgehoben zu sein. 50 Jahre EU haben uns dafür einen schönen Hintergrund geschaffen. Die individuellen Geschichten müssen immer noch von (persönlicher) Hand geschrieben werden. Doch wenn sich 100 ältere Menschen in sieben Ländern Europas heute an ihre eigene Vergangenheit erinnern und daraus eine Wander-Ausstellung wird, dann ist das nebst aller organisatorischen Rafinesse auch ein Verdienst der EU als Staaten- und Lebensgemeinschaft. Deshalb wäre es umso erfreulicher, wenn sich die Kommission entschließen könnte, das Projekt weiter zu fördern. Europa braucht Projekte wie das Pam Schweitzers.

Besonders bemerkenswert fand ich, dass die ganzen Geschichten trotz mannigfacher Schicksalsschläge und Unglücke, nie ein Gefühl der Traurigkeit als Schlusspunkt setzten. Vielmehr habe ich Hoffnung gespürt und Zufriedenheit. Manchmal muss man gar nicht so viel aus der Geschichte lernen. Manchmal muss man sie nur bewahren. Vorsichtig wie ein Glas Wein, das man vom Büffet zum nächsten Tisch hinüberträgt und von dem man nicht auch nur einen einzigen Tropfen verschütten will.

Weitere Informationen: http://www.age-exchange.org.uk/makingmemoriesmatter/index.html

Monday, April 24, 2006

KUNST – HUND

„Das ist doch für die Katz!“ denkt der Hund, als er sich das Bild anschaut. Sein Herrchen ist mit interessierter Miene in die Farbkleckserei versunken. Er hat gelesen, dass der Künstler ein bekannter Newcomer ist, einer, der fast berühmt sein könnte. Also muss man das Bild mit Muße betrachten. Vielleicht hängt es eines Tages im Louvre? Ach nein, der ist ja schon voll. Dann im Centre Pompidou vielleicht? Auf jeden Fall geht es bei einer Vernissage darum, Kunstverstand auszustrahlen. Wenn man schon selber kein Künstler ist. Ein Künstler hingegen hat das Recht, gelangweilt und absolut desinteressiert zu erscheinen. So paradox es klingen mag. Künstler sind ja schon für das Schaffen von Kunst verantwortlich. Sie müssen nicht auch noch bewundern und interpretieren. Das tun andere.
„Immer dieser Farbgestank!“ frustriert versucht der Hund, die Nase in eine andere Richtung zu drehen. Was ihm auch nicht viel Besserung einbringt, denn von drüben weht eine neue Farbfahne in seine Riechschneise. Dass diese Künstler nur immer so dick auftragen müssen. Sie meinen, davon wird ihre Kunst besser. Als ob Können von der Dicke der Farbschicht abhinge. Er hat mal eine Köchin gekannt, die spezialisiert war auf dicke Soßen. Trotzdem sagte man von ihr, dass sie eine schlechte Köchin wäre. Die dicken Soßen halfen ihrem Ruf bei Weitem nicht. Doch die dicken Ölfarben sollten es wohl tun?
„Warum müssen die Leute sich nur so grässlich anziehen?“ der Hund beguckt die hochkarätigen Schuhe in Türkies, unter denen ein schwarz-weiß gestreifter Absatz hervorguckt. Die Berührung mit Kunst scheint zu bewirken, dass man aus dem Rahmen fallen möchte. Komisch eigentlich, wo doch Kunst im Grunde genommen gerahmt an die Wand gehört. Vielleicht ist das das tiefe, innere Wesen der Kunst, das der Hund noch nicht begriffen hat. Der Konflikt zwischen Rahmung und Entgrenzung. Doch trotzdem sind die Vernissagen am Ende alle gleich. Die Rahmen. Die Installationen. Die Räume mit ihrer Neonbeleuchtung. Die kleinen Preisschildchen und der lauwarme Orangensaft. Das heißt, nach allen Regeln der Kunst aus dem Rahmen zu fallen.
„Ist das ein Gesicht?“ fragt sich der Hund unverblümt. Man könnte es auch für eine faulige Kartoffel halten. Der Farbe und Form nach zu urteilen. Vom Geruch ganz zu schweigen. Es müssen, zusätzlich zur Ölfarbe, Naturmaterialien mit im Spiel sein. Die faulige Kartoffel ist ein bisschen zur Seite gedreht, als würde sie in die rechte hintere Ecke gucken. Wo gar nichts ist. Blöde Kartoffel. Es stimmt wohl schon, dass Gemüse ein bisschen dumm ist. Deshalb landet es ja auch im Kochtopf. Oder, in Ausnahmefällen, auf der Leinwand. Er bekommt eine Ecke des Titels zu lesen: meine Geliebte beim Morgenkaffee. Ach, du liebe Güte, der arme Mann muss blind gewesen sein. Oder das Verhältnis war zum Zeitpunkt der Entstehung des Bildes schon grundweg zerrüttet. Wer verliebt sich schon in eine faulige Kartoffel? Nun ja, die Geschmäcker sind verschieden.
„1200 Euro!“ der Hund findet das unerhört. Auf dem Bild ist, genau genommen, gar nichts zu sehen. Es ist ein Foto, das sich in schwarzen und weißen Punkten aufzulösen droht. Angeblich ist die Technik ganz schwer umzusetzen. Man muss die Fotopunkte ganz vorsichtig auseinanderziehen, damit sie einzeln sichtbar werden. Aber was ist das Interesse daran, einzelne Punkte zu isolieren? Sollte nicht umgekehrt, aus Punkten ein Gesamtwerk entstehen? So wie beim Pointillismus? Eigentlich hat er den Pointillismus Signacs nie so besonders gemocht, davon bekommt man Augenschmerzen, aber gegen diese Fotopunktequälerei ... Er hat immer gedacht, Fotos seien zum Abbilden der Realität erfunden worden. Das scheint hier aber gar keine Rolle zu spielen. So kann man sich täuschen.
„Ah, nein ...“ der Hund schüttelt sich, dass Tröpfchen aus seinem Fell überall hin fliegen. Jemand hat einen Pappbecher mit süßlichem Sekt, in dem fast kein Leben mehr ist, umgestoßen. Das klebrige Zeug läuft ihm in die Ohren. Was man nicht alles aushalten muss im Namen der Kunst. Herrchen beugt sich zu ihm herunter und wischt mit dem Taschentuch über seinen Rücken. So, nun geht’s wieder, scheint sein Blick zu sagen. Nein, es geht nicht! Immer diese Spaziergänge in blöden Galerien, in denen es so langweilig ist wie in einer leergeräumten Wohnung. Der einzige Zeitvertreib besteht darin abzuwägen, mit welchem Fuß man beginnen soll, von einem Fuß auf den anderen zu treten. Das Fell klebt immer noch. Barbaren!
Grüß dich, schön, dass wir uns wieder einmal sehen! Herrchen und die unkonventionelle Bekannte tauschen einen Haufen Küsschen aus. Ach, und der süße Kleine ist auch dabei! Sie beugt sich hinunter, um das Fell des Hundes zu streicheln, zieht die Hand aber schnell wieder zurück, als sie ins klebrige Terrain gerät. War er wieder mal nicht artig und hat sich nicht waschen lassen? Scherzt sie. Haha, der Hund kurrt im Geiste. Das muss man sich anhören, wenn man Events der Sorte jahrein jahraus mit stoischer Ruhe erträgt. Sollen die doch ihren blöden Sekt trinken, anstatt ihn über völlig normale, ungehemmte und mit ihrem Leben zufriedene Hunde zu kippen. Vielleicht gehört das auch mit zur Inszenierung? Der Hund hat manchmal den Verdacht, dass das Drumherum mindestens ebenso wichtig ist wie das An-den-Wänden-Hängende. Bei deiner Ausstellung gibt es immer mehrere Ebenen, so viel hat er begriffen. Die Kunstwerke werden erst zu Kunstwerken durch den Zustrom der kunstwerk-sehen-wollenden Besucher. Wenn man einen Apfel in einen Raum legte, das Ganze Galerie nennen und Einladungen zur Vernissage verschicken würde, käme unter den Blicken der Eingeladenen doch tatsächlich ein Kunstwerk dabei heraus. Oder etwa nicht?
„Ganz und gar verrückt. Doch so begabt!“ Die Rede ist von einem jungen Künstler, den Herrchens Bekannte neulich bei einer semi-offiziellen Keller-Vernissage kennen gelernt hat. Es war ein VIP-Event, halt nur für Eingeweihte. Ohne persönliche Kontakte läuft da nichts. Zum Glück hat X mich mit auf die Einaldung genommen. Was bin ich ihm dankbar dafür! So ein interessanter Abend. Und der junge Mann ... nun ja, ganz und gar unkonventionell für einen Künstler. Kam in Anzug und Krawatte daher. Man hätte ihn beinahe für einen Beamten halten können! Und er malt so ausdrucksstarke Karteikästen! Was er alles in die viereckigen Form legt, an Ungergründlichem meine ich. Man fragt sich unwillkürlich, was hinter der Fassade steckt. Karteikarten? Vermutet der Hund. Herrchen betrachtet hingerissen den reichlich dekolltierten Ausschnitt der Dame. Sie hat so gar nichts von einer fauligen Kartoffel an sich. Ob sie jemals die Chance hat, die Geliebte eines Künstlers zu werden?
Irgendwo klingelt ein Handy. Ja Schätzchen, du glaubst es nicht, es lohnt sich wirklich herzukommen. So viele interessante Bilder ... beinahe hätte sie „Leute“ gesagt, die Person. Wie um ihr Interesse zu demonstrieren, geht die Telefonierende mit der Nasenspitze zum Angriff auf ein besonders scheußliches Gemälde aus zementfarbenen Röhren über. Ach, es sind ja so viele tolle Dinge hier zu entdecken, flötet sie und schielt dabei rechts zu Hunds Herrchen hinüber, der den Ausschnitt der Bekannten einen Augenblick freigibt und der Telefonierfrau einen Lächelblick hinüberschickt. So ein Theater, denkt der Hund. Theater, das ist ja eigentlich wohl auch Kunst. Also passt es vielleicht alles letztendlich ganz gut zusammen? Die grauen Röhren riechen zum Glück nicht nach Abfluss. Das ist das Gute an Theaterkulissen. Sie nehmen von der Wirklichkeit nur die Stücke, die sie brauchen. Der Rest ist Pappmaché. Oder Einbildung.

Monday, January 23, 2006

Mon beau sapin, 04.01.2006

Ces jours-ci, des milliers de sapins de Noël perdent leurs aiguilles sur les trottoirs de Bruxelles et d’autres capitales européennes. Les passants leur accordent un regard rapide au mieux et procèdent à l’accomplissement de leurs bonnes résolutions pour la nouvelle année. Seuls les chiens exultent de joie face à la multiplication miraculeuse d’arbres dans leur quartier. Sans commentaire.
Avant que ne vienne le service de ramassage des ordures, voici quelques chiffres concernant le commerce de Noël vu d’une perspective européenne.

Aiguilles en plastique et aiguilles naturelles
Concernant les arbres de Noël naturels, l’UE vit principalement dans l’autarcie.
Les arbres vagabondant sur les trottoirs de nos villes proviennent surtout du Danemark, avec 44 millions d’euros le plus gros exportateur intra-EU d’arbres de Noël (80% des arbres de Noël naturels importés). Il est suivi – quelle surprise – de la Belgique avec 5 millions d’euros. Les Allemands sont les plus grands amateurs d’arbres naturels. Avec 26 millions d’euros, l’Allemagne est le plus grand importateur intra-UE25 d’arbres de Noël naturels. C’est logique en quelque sorte, car la tradition de l’arbre décoré de bougies et de boules brillantes a son origine dans ce pays (jadis) riche en bois.
Les Anglais, eux, préfèrent – au moins statistiquement – des arbres de Noël plus durables. Le Royaume-Uni est en tête des importateurs d’articles de Noël, dont des arbres artificiels (167 millions d’euros). La Chine relève le défi des longs trajets de transport en exportant des arbres de Noël artificiels. Avec succès. En 2004, l’UE25 a importé pour 600 millions d’euros d’articles de Noël (décorations et arbres artificiels), avant tout en provenance de la Chine.

Et pour trinquer …
En Europe, on trinque surtout avec du vin mousseux provenant de France. Avec 1120 millions d’euros en 2004, soit 73% des exportations intra-UE, la France est le plus grand exportateur de vins mousseux intra-UE. Il paraît que l’alcool fait oublier les disputes acharnées sur les dossiers de la PAC et du rabais britannique : Le Royaume-Uni dépense 500 millions d’euros pour savourer les bulles pétillantes « made in France », beaucoup plus que les autres pays (l’Allemagne vient en deuxième position, avec 310 d’euros seulement). Quel bel exemple d’entente entre les peuples !

Le commerce de Noël permet de très grands espoirs.

Pour obtenir plus d’informations et de chiffres à ce sujet, veuillez consulter le communiqué de presse d’Eurostat :
http://europa.eu.int/rapid/pressReleasesAction.do?reference=STAT/05/166&type=HTML&aged=0&language=FR&guiLanguage=en